Verfasst von Melinda Michel und Erik Golowin
Mit den 53. Nachwuchs-Europameisterschaften der European Karate Federation (EKF) startete vom 6. bis 8. Februar 2026 im zypriotischen Limassol die internationale Meisterschaftssaison im Nachwuchsbereich. Mit insgesamt 1’136 Athlet*innen aus 46 Nationen verzeichnete die Europameisterschaft ein hochklassiges und breit besetztes Teilnehmerfeld.
In 39 Kata- und Kumite-Kategorien der Altersklassen Cadet, Junior und U21 präsentierte sich Europas Nachwuchs auf hohem Niveau. Die Ukraine führte die Medaillenwertung an und setzte damit ein sportliches Ausrufezeichen zum Auftakt der kontinentalen Meisterschaftssaison 2026. Zypern bewährte sich erneut als Gastgeber – nach Limassol 2016 und Larnaca 2023 unterstreicht dies die gewachsene EM-Tradition auf der Insel.
Breite Schweizer Präsenz in Limassol
Die Schweizer Delegation umfasste insgesamt 44 Personen, darunter 28 Athlet*innen. Bemerkenswert war auch die Zusammensetzung hinsichtlich internationaler Erfahrung: Neun Athlet*innen bestritten ihre erste Europameisterschaft, acht standen zum zweiten Mal auf der EM-Bühne, während sieben bereits ihre dritte Teilnahme verzeichneten. Drei Karatekas nahmen zum vierten Mal teil, zwei sogar bereits zum fünften Mal. Diese Mischung aus Debütantinnen und erfahrenen Nachwuchsathlet*innen widerspiegelt die kontinuierliche Aufbauarbeit im Schweizer Leistungssport.
Angeführt wurde die Delegation von Delegationsleiter Luca Rohner und CEO Oscar Diaz. Komplettiert wurde das Führungsteam durch Dominique Sigillo (Technische Kommission EKF), Raphael Iseli (Chef Nachwuchs) sowie dem Head-Coach Dragan Leiler und den Nationalcoaches Franco Pisino, Demian Seiler, Franco Sacristani und Yuki Ujihara. Für die medizinische Betreuung zeichnete Physiotherapeutin Saskia Seitz verantwortlich, während Kjetil Waber das Team fotografisch begleitete.
Auch im Schiedsrichterwesen war die Schweiz prominent vertreten: Daniel Brunner, Hakan Güldür, Stéphanie Moix, Linh Pham und Florian Wernly standen im Einsatz – eingebettet in ein internationales Referee-Feld von insgesamt 139 Unparteiischen.
Platzierungen nahe an den Medaillenrängen
Für die besten Schweizer Resultat sorgten Almina Arifagic in der Kategorie U18 -66 kg und Cebrail Baumgartner in der Kategorie U16 -70 kg mit jeweils einem hervorragenden 5. Rang. Arifagic überzeugte mit drei klaren Vorrundensiegen, bevor sie sich erst im Halbfinal knapp geschlagen geben musste. Baumgartner zeigte insbesondere mit seinem dominanten 9:0-Auftaktsieg seine offensive Stärke.
Ebenfalls nahe an den Medaillenrängen klassierten sich:
- Ruben Jost in der Kategorie U21 -60 kg – 7. Rang
Ruben Jost zeigte ein starkes Turnier, unter anderem mit einem Sieg gegen Serbien, und bestätigte damit seine internationale Konkurrenzfähigkeit. Für Ruben war dies die letzte Nachwuchs-Meisterschaft. Von nun an gilt es für ihn, sich in der Elite zu beweisen.
Weitere Top-10-Platzierungen erreichten Nolan Schedel, Lucas Zecca, Théo Karlen sowie Jiyan Buhurcu, die sich ebenfalls im erweiterten Spitzenfeld Europas positionieren konnten. Daneben konnten auch Patrick Alves da Gloria, Corsin Dion Lüthy und Demet Özdemir jeweils zwei Kämpfe gewinnen und standen im Viertelfinal. Mehrere Schweizer Karatekas konnten Siege gegen hochdekorierte Gegner*innen erzielen. So bezwang Demet Özdemir in der Kategorie U18 -48 kg unter anderem eine ungarische Athletin mit WM-Bronze im Palmares. Solche Resultate zeigen, dass der Schweizer Nachwuchs punktuell bereits auf Augenhöhe mit Europas Spitze agiert.
Erfolge im Schiedsrichterbereich
Neben den sportlichen Leistungen gab es auch im Offiziellenwesen erfreuliche Nachrichten: Stéphanie Moix und Florian Wernly bestanden erfolgreich die Referee-A-Prüfung, während Hakan Güldür die Referee-B-Lizenz erlangte. Mit der höchsten EKF-Schiedsrichterlizenz nehmen Moix und Wernly künftig Einsitz in der Nationalen Schiedsrichterkommission – ein bedeutender Schritt für die Weiterentwicklung des Schweizer Schiedsrichterwesens. Zudem war Linh Pham erstmals als Mitglied der EKF Referee Commission im Einsatz – als Prüfer bei den EKF-Schiedsrichterprüfungen und als Tatami Manager.
Standortbestimmung und Perspektiven
Die Nachwuchs-EM 2026 diente aus Verbandssicht als wichtige Standortbestimmung. Die breite Kategorienabdeckung, zahlreiche Siege sowie mehrere Platzierungen nahe an den Medaillenrängen bestätigen die positive Entwicklung im Schweizer Nachwuchsleistungssport.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Leistungsdichte an der europäischen Spitze enorm hoch ist und internationale Wettkampferfahrung ein zentraler Entwicklungsfaktor bleibt – insbesondere für die vielen EM-Debütant*innen im Schweizer Team.
Schweiz: Einsatz stimmt – Resultate noch nicht
Die Schweizer Athlet*innen zeigten engagierte und teilweise sehr gute Leistungen, mussten sich am Ende jedoch mit zwei fünften Plätzen, einem siebten Platz und vier neunten Plätzen begnügen. Damit blieb das Team hinter den Erfolgen des Vorjahres (2025 in Bielsko-Biała) zurück und verfehlte die Zielsetzungen des Trainerstabs um Luca Rohner.
Diese Bilanz wird intern offen und selbstkritisch eingeordnet. Head-Coach Dragan Leiler brachte es auf den Punkt: Die aktuelle Zusammenarbeitsstruktur zwischen Stützpunkten und Nationalmannschaft greift noch zu wenig. Ohne klare Verzahnung droht mittelfristig der Anschluss an die europäischen Top-Nationen verloren zu gehen.
Konsequenzen: Reorganisation mit klarem Ziel
Genau hier setzt die laufende Reorganisation der Swiss Karate Federation an. Die strategische Weiterentwicklung des Stützpunktsystems ist als mehrjähriger Prozess angelegt und folgt einem klaren Stufenplan:
- Phase 1 (seit 2025 umgesetzt):
Strukturelle und organisatorische Schärfung der bestehenden Stützpunkte auf Basis einer systematischen Analyse. Einheitliche Standards und Qualitätskriterien bilden seither die verbindliche Grundlage der Nachwuchsarbeit. - Phase 2 (aktuell):
Eine Projektgruppe unter der Leitung von Luca Rohner entwickelt die nächste Ausbaustufe. Das erste Massnahmenpaket wurde im Dezember 2025 einstimmig vom Zentralvorstand beschlossen und wird nun schrittweise umgesetzt.
Im Fokus steht die klare Verzahnung von Stützpunkten und Nationalmannschaft: definierte Rollen, verbindliche Schnittstellen sowie abgestimmte Leistungs- und Entwicklungsziele. Ziel ist eine professionell gesteuerte Zusammenarbeit – als Voraussetzung für nachhaltige Leistungsentwicklung und internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Quintessenz
Die Junioren-EM 2026 war für die Schweiz sportlich kein Rückschritt, aber ein deutliches Signal. Einsatz, Talent und Potenzial sind vorhanden. Der nächste Schritt liegt nicht nur auf der Matte, sondern in den Strukturen. Limassol hat gezeigt, wo die Schweiz steht – und wohin sie sich entwickeln muss, um künftig ganz vorne mitzumischen.
Dank an Team und Staff
Der Schweizerische Karate Verband gratuliert allen Athletinnen und Athleten, Trainer*innen, Schiedsrichter*innen sowie dem gesamten Betreuungsteam herzlich zu ihrem Einsatz, ihrem Teamgeist und ihrer professionellen Repräsentation der Schweiz auf internationaler Bühne.
Die in Limassol gewonnenen Erfahrungen bilden eine wertvolle Grundlage für die kommenden internationalen Herausforderungen – mit dem klaren Ziel, den Schweizer Nachwuchs weiterhin Schritt für Schritt an Europas Spitze heranzuführen.










